Zwischen Anekdote und Analyse

Hans Ulrich Gumbrechts neues Buch Sepp ist eine Autobiografie – aber nicht nur. Es wirft auch die Frage auf, was ein solches Format für die Wissenschaftskommunikation bedeuten kann: Macht es Wissenschaft als Leben erfahrbar? Von Anschauung bis Selbstvergewisserung bleibt hier offen, wie viel Erkenntnis im Erzählen liegt – und wie viel im gut inszenierten Rückblick.

Von Oliver Ruf

Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der Geisteswissenschaften, dass sie oft unablässig von Kontexten sprechen, ihre eigenen Bedingungen jedoch selten in einer Form offenlegen, die mehr ist als ein Fingerzeig. Man weiß zum Beispiel, dass Theorien nicht im luftleeren Raum entstehen, dass Karrieren von Zufällen, Milieus und Begegnungen abhängen – und doch bleibt dieses Wissen meist merkwürdig abstrakt. Wer erfahren will, wie Forschung entsteht, wie akademische Milieus funktionieren oder wie sich intellektuelle Karrieren vollziehen, ist deshalb oft auf indirekte Lektüren angewiesen: etwa auf Vorworte von wissenschaftlichen Monografien, auf Briefe von Wissenschaftler:innen, auf Interviews in Zeitungen, im Radio oder in Podcasts. Das Medium der Autobiografie ist dafür ein weiteres naheliegendes, zugleich aber auch unterschätztes Format. Wird sie von Wissenschaftler:innen verfasst, kann sie Wissen vermitteln und jene Entstehungsbedingungen von Wissenschaft erzählbar machen. Ein aktuelles Beispiel, das ebenfalls eine Art Testfall darstellt, ist Hans Ulrich Gumbrechts neues Buch Sepp (Berlin: Suhrkamp 2026), benannt nach dem Spitznamen des Autors seit Kindheitstagen. Darin inszeniert Gumbrecht als öffentlich bekannter Geisteswissenschaftler seinen Lebensweg – und vollzieht damit unbeabsichtigt ebenfalls ein Experiment der Wissenschaftskommunikation.

Denn was dieses Buch dahingehend zunächst leistet, ist ein Angebot der Veranschaulichung, die der disziplinären Rede oft abgeht. Die großen Bewegungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Öffnung der deutschen Universitäten, die zunehmende Internationalisierung, die Verschiebung akademischer Gravitationszentren – all das sind hier weniger Beobachtungen, sondern Lebensumstände. Ob Paris oder Stanford: Das sind bei Gumbrecht nicht nur Orte, sondern Situationen, in denen sich Möglichkeiten verdichten. Durch deren Abfolge versteht man beim Lesen ebenso staunend wie zweifelnd, amüsiert und oft auch irritiert, wie der Typus eines solchen „Gelehrtenlebens“ entstehen konnte.

Doch die szenische Qualität ist ambivalent. Denn sie ersetzt Erklärung durch Evidenz. Was erzählt wird, gewinnt seine Plausibilität aus dem Umstand, dass es erlebt wurde. Die Autobiografie operiert damit in einem Modus, der für Wissenschaftskommunikation attraktiv und problematisch zugleich ist: attraktiv, weil er Komplexität reduziert und Identifikation ermöglicht; problematisch, weil er die Differenz zwischen Einzelfall und Struktur verwischt. Gumbrechts Lebensweg ist exemplarisch, ohne dass seine Exemplarität eigens begründet würde. Die narrative Form suggeriert Allgemeinheit, wo zunächst nur Singularität vorliegt. Gerade darin liegt jedoch gleichermaßen eine zweite Funktion des Buches: Es wirkt als Erzählung im emphatischen Sinn. Nicht nur einzelne Episoden, sondern das Leben als Ganzes wird in eine Umgebung gebracht, die Sinnzusammenhänge stiftet. Zufälle lesen sich im Rückblick als Fügungen, Entscheidungen als Schritte einer Entwicklung. Für die Wissenschaftskommunikation bedeutet dies eine Verschiebung: Wissen wird nicht primär als Ergebnis methodischer Verfahren präsentiert, sondern als Produkt eines biografischen Verlaufs. Theoriebildung, wie Gumbrecht sie versteht, ist so die Konsequenz persönlicher Konstellationen – etwas, das aus Erfahrungen hervorgeht.

In dieser Hinsicht funktioniert zumindest diese Autobiografie als eine Möglichkeit von Wissenschaftskommunikation: Sie übersetzt die Strukturen von Wissenschaft. Was sonst in Analysen entfaltet werden müsste, wird hier in Episoden greifbar. Die Begegnung ersetzt das Modell, die Anekdote die Fußnote. Und es ist schwer zu leugnen, dass diese Form eine eigene Einsicht erzeugt. Sie macht verständlich, was sich sonst nur umständlich erklären ließe. Diese Perspektive hat einen unbestreitbaren Reiz. Sie eröffnet einen Zugang zur Geisteswissenschaft, der nicht über Abstraktion, sondern über Lebensnähe funktioniert. Gleichzeitig erzeugt sie eine eigentümliche Weise der Selbstbeglaubigung. Das erzählende Ich wird zur Instanz, die Bedeutung setzt, ohne sich vollständig zur Disposition zu stellen. Ironische Brechungen – etwa die wiederholte Inszenierung eigener Unzulänglichkeit – wirken dabei weniger wie kritische Distanz, als dass sie eine Art stilistischer Absicherung umsetzen. Sepp kommuniziert als Autobiografie Wissenschaft, aber kontrolliert zugleich die Bedingungen dieser Kommunikation.

Das hat einen Preis. Denn das Erzählen lebt von der Suggestion, davon, dass das Einzelne für mehr steht als für sich selbst. Gumbrechts Leben wird streckenweise als ein Parcours durch die Geisteswissenschaften der Nachkriegszeit demonstriert – und gerade darin liegt eine gewisse Hybris, wenn auch unbeabsichtigt. Die narrative Form verleiht dem Erlebten eine Allgemeinheit, die es als Erfahrung zunächst gar nicht besitzt. Was sich hier mitteilt, ist weniger eine Analyse als ein Eindruck. Vermutlich ist das unvermeidlich. Autobiografien operieren notwendig im Verfahren des Rückblicks, und der Rückblick hat die unangenehme Angewohnheit, Kontingenzen zu glätten. Aus Zufällen werden Stationen, aus Brüchen Entwicklungen. Auch Sepp folgt dieser Logik, ohne sie eigens zu problematisieren. Das Leben vollzieht sich als eine Abfolge von Szenen, die im Nachhinein einen Sinn ergeben – nicht unbedingt, weil sie ihn hatten, sondern weil sie ihn nun tragen sollen.

Damit wird Sepp zu einem wissenschaftskommunikativen Beispiel im doppelten Sinne. Einerseits zeigt das Buch, welches Potenzial in autobiografischen Formen für die Wissenschaftskommunikation liegt. Es macht sichtbar, wie stark Wissen an soziale Kontexte gebunden ist, und es vermittelt diese Einsicht in einer Weise, die auch jenseits von Spezialdiskursen verständlich bleibt. In dieser Hinsicht wirkt es ermutigend: Es demonstriert, dass Geisteswissenschaften nicht notwendig in der Unzugänglichkeit verharren müssen, sondern sich vermitteln lassen, ohne ihren Gegenstand ganz zu verlieren. Gerade hier wird das Medium der Autobiografie, wie es im Fall von Sepp vorliegt, jedoch als Format der Wissenschaftskommunikation interessant. Denn es verschiebt den Ort des Wissens. Wissenschaft erscheint als etwas, das sich aus derartigen Erfahrungen, aus Konstellationen und aus Begegnungen regelrecht speist. Das ist, im besten Sinne, aufklärerisch: Es entzaubert die Vorstellung einer unüberwindbaren „Gelehrsamkeit“ und zeigt Wissenschaft als Praxis, als etwas Gemachtes, als etwas buchstäblich Er- und Gelebtes.

Andererseits fungiert das Buch als eine Art Gegenbeispiel oder zumindest als warnender Grenzfall. Denn es zeigt, wie leicht die erzählerische Verdichtung in Selbststilisierung umschlagen kann. Wo die Autobiografie zur Bühne wird, auf der das eigene Leben eine kohärente Erfolgsgeschichte spielt, droht die kommunikative Funktion in den Hintergrund zu treten. Der erzählende „Sepp“ ist nicht nur Zeuge, sondern auch Regisseur seiner Vergangenheit. Ironische Selbstrelativierungen werden als vertrautes rhetorisches Verfahren eingesetzt: Man liest sie mit dem wenigstens leisen Verdacht, dass hier jemand sehr genau weiß, wie er gesehen werden möchte, auch wenn er vorgibt, es nicht zu wissen.

So bleibt Sepp vieldeutig. Es zeigt, wie fruchtbar die Autobiografie als Medium der Wissenschaftskommunikation sein kann – gerade weil sie Wissen verkörpert, statt es zu behaupten. In dieser Hinsicht wirkt das Buch beinahe ermutigend: als Einladung, die Geisteswissenschaften nicht nur zu erklären, sondern zu erzählen. Und doch ist Skepsis angebracht. Denn wo das Leben allzu nahtlos in Bedeutung übergeht und sich im Gesamten erstaunlich gut gefügt hat, droht dieses Projekt zu kippen. Die Autobiografie kann dann leicht eine Selbstvergewisserung sein – und das, was sie eigentlich zeigen könnte, verschwimmt.

Vielleicht ist genau diese Spannung das Entscheidende. Sepp beantwortet die Frage, ob Autobiografien ein Format der Wissenschaftskommunikation sein können, durch seine eigene Existenz. Es zeigt die Möglichkeiten – und es zeigt die Grenzen. Man liest es und versteht etwas über die Geisteswissenschaften; man liest es und fragt sich zugleich, ob man nicht vor allem etwas darüber gelernt hat, über ein Leben zu sinnieren. Und möglicherweise ist das gar kein Einwand, sondern die leise Pointe des Ganzen. Denn wer wollte bestreiten, dass auch dies eine Variante des Verstehens ist – wenn auch eine, die sich nur schwer zitieren lässt. In einer Zeit, in der die Geisteswissenschaften verstärkt nach ihrer öffentlichen Rolle suchen, ist das gar nicht wenig.