Von Korinna Hennig, WPK-Vorstandsmitglied, und Holger Hettwer, WPK-Geschäftsführer
Die Wissenschaftspressekonferenz (WPK), Praxispartner im RRC, wird in diesem Jahr 40 Jahre alt – in politisch beunruhigenden Zeiten. Die Wissenschaft, aber auch der Wissenschaftsjournalismus stehen unter Druck. Eine Verschiebung des gesellschaftlichen Diskurses und veränderte gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen haben Auswirkungen auf die Art und Weise, wie die Berichterstattung über Forschung wahrgenommen wird. Während der Pandemie war dies zu beobachten, nun sehen wir das auch bei Themen aus der Klimaforschung, Migrationsforschung, Friedensforschung und der wissenschaftlichen Betrachtung der Belange von Kindern und Jugendlichen.
Vor diesem Hintergrund hat die WPK mit ihren Mitgliedern eine Gesprächsreihe zur Frage „Wie politisch muss der Wissenschaftsjournalismus sein?“ angestoßen, die bis in den Herbst andauern soll. Darin geht es um zentrale Grundsatzfragen: In einer Kick-off-Session im vergangenen Dezember haben die WPK-Mitglieder diskutiert, was sich gerade politisch und gesellschaftlich für den Journalismus ändert, ob er durch die Verschiebung des gesellschaftlichen Diskurses infrage gestellt und anders wahrgenommen wird und wie niedrigschwellig und zugänglich der Wissenschaftsjournalismus heute sein muss. In diese Diskussion spielt nicht zuletzt die Frage hinein, wann Haltung im Journalismus zu Aktivismus wird und wann nicht.
Im Lauf des Jahres will die WPK in vier „Stakeholder-Dialogen“ die Sichtweise von kritischen Begleiter:innen des Wissenschaftsjournalismus aus der Wissenschaft, der institutionellen Wissenschaftskommunikation sowie aus Politik und Medien einholen.
So wurde am 17. März in der Online-Diskussion „Stakeholder-Dialog Wissenschaft“ mit Hanna Pfeifer vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) an der Universität Hamburg und Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen das Verhältnis zur Wissenschaft in den Blick genommen:
Beide Forscherinnen nehmen den Wissenschaftsjournalismus gerade im Vergleich mit politischer Berichterstattung grundsätzlich als fair und tiefgründig wahr. Bei der Frage, ob der Wissenschaftsjournalismus auch als Agendasetter agieren dürfe, sieht Hanna Pfeifer einen „Auftrag zu unbequemen Themen“ – auch im Unterschied zu dem, was von der politischen Führung womöglich als relevant angesehen werde (Beispiel Dual Use). Dabei gebe es allerdings auch eine „Schutzpflicht“ gegenüber den Forschenden, meint Viola Priesemann, wenn sie zu politischen Statements gedrängt werden. Schließlich bringe die zunehmende Politisierung und Polarisierung die Wissenschaft in eine schwierige Lage, aber auch der Wissenschaftsjournalismus sei unter Beschuss geraten. Beide müssten deshalb autoritäre Praktiken bekämpfen, weil die Demokratie Grundbedingung für ihre Existenz sei.
Die Friedensforscherin Hanna Pfeifer wünscht sich dabei auch, dass Wissenschaftsjournalist:innen sich stärker Themen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften zuwenden, um in stark politisierten und emotionalisierten Forschungsfeldern Orientierung zu bieten: gegen False Balancing, für eine klare Herausarbeitung eines Wissenschaftskonsens, der oft mit bloßer Meinung verwechselt werde.
Viola Priesemann liegt besonders die gesellschaftspolitische Funktion des Wissenschaftsjournalismus am Herzen: Sie sprach sich für eine deutliche Aufwertung aus, weil Wissenschaftsjournalismus der übrigen Wissenschaftskommunikation überlegen sei, was Einordnung, Güterabwägung und letztlich auch politische Konsequenzen angehe.
Die nächste Online-Diskussion „Stakeholder-Dialog WissKomm“ ist für den 21. April geplant – mit den Kommunikator:innen Elisabeth Hoffmann (Universität Köln) und Jens Rehländer (VolkswagenStiftung). Später im Jahr folgen weitere Dialoge mit Vertreter:innen der Medien und Politik sowie eine Unterhausdebatte für die breite Öffentlichkeit am 1. Juli beim Wissenschaftsfestival Stuttgart. „Aus diesem Dialog“, so die WPK-Vorsitzende Nicola Kuhrt, „wollen wir ‚Thesen zur Zukunft des Wissenschaftsjournalismus‘ erarbeiten – und bei der WISSENSWERTE im Oktober in Hannover symbolisch an die Tür von Schloss Herrenhausen nageln.“