Wissenschaft, Kommunikation und Demokratie: Die Eckpfeiler einer liberalen Gesellschaft geraten zunehmend unter Druck. Hohe Zeit, dies zum Thema der Hauptkonferenz der deutschsprachigen Kommunikationswissenschaften zu machen, hatte das Dortmunder Organisationsteam der DGPuK-Jahrestagung entschieden, zu dem auch RRC-Sprecher Holger Wormer gehört. Rund 400 Forschende reisten daraufhin an, um im Westen der Republik drei Tage lange ihre Forschung vor diesem Hintergrund zu präsentieren.
Den Ton für das Hauptprogramm setzte dabei Otfried Jarren, Honorarprofessor der FU Berlin und der Universität Zürich. Seine Keynote verlangte den Anwesenden bereits am Morgen einiges ab: Unter dem Titel „Advocacy für eine demokratische Kommunikationsgesellschaft“ beschrieb Jarren den tiefgreifenden Wandel der Institutionen westlicher Gesellschaften und die Herausforderungen, die sich daraus für den Journalismus ergeben. Dabei entwarf er das Bild eines Epochenbruchs: Lange als selbstverständlich wahrgenommene Institutionen würden grundlegend hinterfragt. Jarrens Schlussfolgerung: In dieser Lage muss sich die Kommunikationswissenschaft als relevante Disziplin neu aufstellen und sich einmischen. Dazu gehöre auch, die Leistungsfrage zu stellen – sowohl an etablierte Institutionen wie den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk als auch an jene, die sich derzeit neu formieren.
So müsse generative KI, die gleichzeitig eine neue Institution ebenso wie einen neuen Denk- und Wissensmodus verkörpere, aktiv gestaltet und in ihren gesellschaftlichen Auswirkungen begleitet werden. Besonders der Journalismus, so Jarren, müsse in diesem Prozess auch „weg vom Tool-Denken“ kommen. Jarrens Thesen wurden in der anschließenden Podiumsdiskussion von Marlis Prinzing (Macromedia University of Applied Sciences, Köln), Annika Sehl (Katholische Universität Eichstädt-Ingolstadt), Birgit Stark (Johannes-Gutenberg Universität Mainz) und Stefan Schmitt (DIE ZEIT) aufgegriffen und rege diskutiert. Dabei ging es vor allem darum, Jarrens programmatische Überlegungen den konkreten Herausforderungen gegenüberzustellen, mit denen sich die Kommunikationspraxis konfrontiert sieht: etwa die Frage nach Haltung im Journalismus sowie der Umgang mit Evidenz und Social-Media-Plattformen.
Während der folgenden Konferenztage wurden diese Impulse in vielen der insgesamt 35 Einzel-Panels weiterdiskutiert und mit aktuellen Forschungsergebnissen verknüpft. Die angedachte Zuordnung der vielfältigen Themenbeiträge zu einem der Hauptschlagworte Wissenschaft, Kommunikation und Demokratie verlief dabei nicht immer ganz trennscharf – was aber womöglich die Meta-Perspektive der Tagung bestätigte: Die drei Eckpfeiler bedingen sich gegenseitig und sind mit allen Wechselwirkungen zentrale Orientierungspunkte für eine gesellschaftlich wirksame Kommunikationswissenschaft.
Deutlich wurde jedoch auch, dass ein so diverses und praxisnahes Feld wie die Kommunikationswissenschaft nicht alle Spannungsfelder auflösen kann: Besonders beim omnipräsenten Themencluster (generative) KI fielen nicht wenige Panels und Podien am letzten Konferenztag bisweilen wieder hinter den Anspruch an das Fach zurück, den Jarren in seiner Keynote formuliert hatte.
Bei aller Faszination für die Anwendungspotenziale von Sprachmodellen und (Bewegtbild)-Generatoren: Vielleicht hätte eine noch größere Zahl an Einreichungen aus dem Fach zu medienökonomischen, medienethischen und medienrechtlichen Perspektiven auf die Geschäftsmodelle und Ideologien der Tech-Oligarchen für ein besseres Gleichgewicht zwischen Tool-Exploration und kritischer Wissenschaft gesorgt.
Mit der übergeordneten Verknüpfung der Themen Kommunikation, Wissenschaft und Demokratie gab die DGPuK-Konferenz 2026 jedoch in jedem Fall eine Stoßrichtung vor, an der sich Kommunikationswissenschaft, Journalismusforschung und Wissenschaftskommunikation auch weiterhin produktiv orientieren können und sollten. Kontextualisierung und ein selbstbewusstes Eintreten für Wissenschafts- und Freiheitswerte, wie sie auch auf dem einleitenden Podium thematisiert wurden, werden dabei zunehmend geboten sein angesichts des wachsenden politischen und ökonomischen Drucks.