Von Holger Wormer
Der Reflex war erwartbar: Kaum hatte die politische Debatte über eine strengere und überprüfbare Altersgrenze für Social Media auch in Deutschland Fahrt aufgenommen, fraßen sich schon die scheinbaren Gegenargumente in den Diskurs. Schnell forderten Kritiker „stattdessen mehr Medienkompetenz“. Dabei liegt die Absurdität dieses angeblichen Gegensatzes, der hier konstruiert wird, auf der Hand – wie ein Blick auf Strände und Straßen, Kneipen und Küchentische illustriert.
Wer etwa würde auf die Idee kommen, bei akuter Gefahr am Strand kein Badeverbot zu verhängen – mit dem Hinweis, es sollten „stattdessen“ mehr Schwimmkurse angeboten werden? Bekanntlich kann der Sog durch starke Strömungen selbst geübte Schwimmer gefährden. Das sagt einem schon die DLRG (übrigens ein wichtiger Player auch in Sachen Schwimmkompetenz). An manchen Orten am Rhein herrscht generell ein striktes Badeverbot; Schwimmenden, gleich welcher Kompetenz, droht inzwischen ein hohes Bußgeld.
Auch auf der Straße würde niemand auf die Idee kommen, alle Halte-, Durchfahrts- und Rasereiverbotsschilder abzumontieren – mit dem Hinweis, „stattdessen“ allein die Fahrkompetenz der Autofahrerinnen und Autofahrer zu verbessern. Dabei ist ein Führerschein im Straßenverkehr bekanntlich ohnehin Pflicht, ein Internetführerschein lediglich ein freiwilliges Angebot.
Die Liste ließe sich lange fortsetzen: vom trotz aller Aufklärung und Suchtprävention unstrittigen Alkoholverbot für kleinere Kinder bis hin zu ähnlichen Debatten um „Ernährungskompetenz“ und Beschränkungen für Zuckerbrause, die im Übrigen vermutlich vor allem an jenen Küchentischen helfen würden, wo das Elternhaus eben nicht über das Privileg einer vergleichsweise hohen Allgemeinbildungskompetenz verfügt.
Kompetenzbildung, Regeln und Verbote sind also kein Entweder-oder, sondern gehören zusammen. Die Kritik (zuletzt vor ein paar Tagen durch eine Landesschülervertretung), dass die Politik zu wenig für Medienkompetenz tue, ist berechtigt. Aber sie liefert kein plausibles Argument gegen Verbote. Stattdessen muss mehr Medienkompetenz mit mehr Regeln (und ihrer Durchsetzung) Hand in Hand gehen – denn auch bei den heutigen Social Media hat man es mit einem Sog zu tun, dem allein mit digitalen Schwimmkursen nicht beizukommen ist. Erst Ende März bestätigte ein US-Gericht die Vorwürfe einer Klägerin, mehrere Online-Plattformen hätten ihre Dienste absichtlich so gestaltet, dass Nutzer danach süchtig werden.
Medienkompetenz bedeutet auch zu unterscheiden, welcher Medienkonsum in verschiedenen Altersgruppen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit tatsächlich eher der Teilhabe, der Bildung, der demokratischen Meinungsbildung und einer ausgewogenen Dosis legitimer Unterhaltung dienlich ist – und wo man Grenzen setzen muss gegen Hass, digitale Gewalt, Desinformation, Kindeswohlgefährdung und Suchtverhalten. Der Hinweis auf eine jüngst erfolgte Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage einer (nicht überraschend auf Social Media sehr erfolgreichen) Linken-Politikerin, es gebe noch keine belastbaren Studien zum Nutzen eines Social-Media-Verbots für Jugendliche, ist ebenfalls kein plausibles Argument gegen eine testweise Einführung. Zu mangelnder Medien- kommt hier offensichtlich noch mangelnde Wissenschaftskompetenz dazu: Denn die geforderten Studien zur Wirkung strengerer Regeln kann es erst geben, wenn man sich auf einen Versuch einlässt, der sich dann wissenschaftlich auswerten lässt. Allerdings häufen sich bereits jetzt die Indizien, dass schon im Sinne eines Vorsorgeprinzips dringender Handlungsbedarf besteht. Nicht umsonst haben sich inzwischen zahlreiche Länder – zuletzt vor wenigen Tagen Griechenland – für strengere Altersgrenzen entschieden. Zusätzliche Maßnahmen, um gleichzeitig (!) die Medienkompetenz zu verbessern, haben ihrerseits großes Potenzial, könnten aber wohl erst mittel- bis langfristig wirken (was dann übrigens ebenfalls durch „belastbare Studien“ zu belegen wäre).
Zur Medienkompetenz gehört somit auch so etwas wie eine „Medienverbotskompetenz“: die Kompetenz zu erkennen, wo man ohne Verbote seit Jahren kaum Fortschritte erzielt und wo sich die politischen Interessen populistischer Rattenfänger mit den wirtschaftlichen Interessen der Tech-Konzerne decken. Beide werden – just mit den Mitteln der digitalen Erregungsmaschinerie – im Übrigen weiterhin alles tun, um jede noch so sinnvolle Regelverschärfung für Social Media zu verhindern.
Der Beitrag ist in ähnlicher Form im Berliner Tagesspiegel erschienen.