„Die Professorin trägt Prada“

Viktar Vasileuski schreibt über ein Phänomen, das um sich zu greifen scheint: Forschende inszenieren ihre Arbeit auf TikTok und Co und erschaffen ein neues Ökosystem aus Verlagen, Plattformen, Marken und Magazinen. Ein Extrembeispiel: die US-amerikanische Design-Professorin Mindy Seu.

Von Viktar Vasileuski

Die Professorin ist auf Instagram. Ihr Profil hat knapp 70.000 Follower, der Feed ist in eleganten Farben gehalten: Weiß, Schwarz, Grau, selten ein giftgrüner Farbklecks. Was es nicht gibt: Kacheln mit „5 Tipps für bessere Paper“, Laborromantik, überquellende Bücherwände. Stattdessen: Fotoshooting im Kleid von Dior, Büchertipps für ein Architekturmagazin, Gastauftritt beim viralen TikTok-Format. Die Urheberin des Instagram-Profils scheint für sich definiert zu haben, dass auf Social Media auch Theorie ein Look ist.

Die Rede ist von Mindy Seu, 1991 in Kalifornien geboren. Sie ist Design-Professorin an der University of California, Los Angeles (UCLA), Künstlerin, Technologin, Herausgeberin, Performerin. Ein persönliches Gespräch kam für diesen Beitrag leider nicht zustande. Ihr Cyberfeminism Index, ein crowd-gesourctes Buch, versammelt Hunderte Einträge zu feministischer Netzgeschichte; ihr neues Projekt A Sexual History of the Internet fragt, wie Technologie und Sexualität miteinander verbunden sind. Seu zieht ihre Kreise wie selbstverständlich zwischen Universität, Kunsthalle, Literaturbetrieb und Modejournalismus. Diese Art, mit der Öffentlichkeit umzugehen, findet sich in der Wissenschaft selten. 

Dabei ist Seu nicht die Einzige, die sich als Akademikerin auf Social Media zu inszenieren weiß: Der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze erreicht mit seinem Newsletter „Chartbook“ ein Publikum weit jenseits der Columbia University; die Physikerin Sabine Hossenfelder hat auf YouTube fast zwei Millionen Abonnentinnen und Abonnenten. Weitere Beispiele: Die Biologin Amelie Reigl gibt auf Instagram und TikTok Einblicke in den Laboralltag; die Historikerin Leonie Schöler betreibt Geschichtsvermittlung auf TikTok. Auf Branchenportalen wie academics.de kursieren inzwischen Anleitungen, wie „erfolgreiche Selbstvermarktung als Wissenschaftler“ gelingen kann.

Und doch ist die Öffentlichkeitsarbeit von Design-Professorin Seu außergewöhnlich. Sie behandelt das Medium selbst als Material. Egal ob Datenbank, Buch, Performance oder Objekt – ihre Forschungsergebnisse werden genauso penibel inszeniert wie ihr Social-Media-Auftritt: In Berlin zeigte die Kunstgalerie KW Institute ihre Sexual History of the Internet als partizipative Lecture-Performance, bei der das Publikum auf dem eigenen Smartphone Zitate liest. Die Stimmen ergaben einen Chor.

Ähnlich wie bei dem Phänomen BookTok – also dem großen Erfolg von Content über Bücher auf der Plattform TikTok – will Seu auf Social Media vermeintlich unvereinbare Dinge zusammenbringen: Theorie und Sinnlichkeit. Was bei ihr entsteht, ließe sich vielleicht „TheoryTok“ nennen: Theorie wird hier nicht nur vorgetragen, sondern auch fotografiert und ästhetisiert. Ihr neuestes Buch solle sich anfühlen wie ein iPhone oder eine Bibel, sagte Seu gegenüber dem Kulturmagazin 032c. Etwas, das weder reinen Inhalt noch reine Form darstellt.

Mindy Seu ist inzwischen Teil eines Ökosystems aus Verlagen, Kulturinstitutionen, Magazinen, Plattformen, Agenturen und Marken. Sich diesem Geflecht aber dermaßen hinzugeben und als Werbeträgerin aufzutreten, hat auch seine Schattenseiten. Sie selbst sagte in einem Bericht über sogenannte „alternatively influential“-Personen, sie verstehe sich nicht als Influencerin; zugleich sei es hilfreich, jemanden im Team zu haben, der Honorare verhandle und prüfe, welche Deals sich für sie ethisch richtig anfühlten. Wenn ihr Geschmack und die akademische Autorität aber plötzlich zu etwas werden, das sich verhandeln lässt, steht ihre Integrität als Wissenschaftlerin auf dem Spiel. 

Mindy Seu ist deshalb auch kein Vorbild, wenn es darum geht zu definieren, wie Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sich in Zukunft öffentlich positionieren sollten. Eher ist sie eine Prophezeiung: An ihr lässt sich ablesen, wie die Universität der Zukunft aussehen könnte. Aus Elfenbeinturm würde eine Bühne; aus der Monografie das Multimedia-Format; der Nickname im Feed könnte den Professurennamen auf dem Türschild ablösen. Und möglicherweise bedeutet die Universität der Zukunft auch: mehr Prada in den Hörsälen.