Von Oliver Ruf
Wenn der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) vor dem Auslaufen nahezu aller Programme zur Hochschulkooperation mit dem Globalen Süden warnt, so darf man das nicht missverstehen: Damit ist keine Debatte über einzelne Haushaltsansätze gemeint. Die angekündigten Kürzungen sind vielmehr Ausdruck einer Entwicklung, die weit über die engere Entwicklungszusammenarbeit hinausreicht, die das Bundesministerium für wirtschaftlich Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziert. Denn sie berühren die grundlegende Frage, wie Wissenschaft im 21. Jahrhundert zu verstehen ist: als nationales Instrument oder als internationales System des Wissens.
Die Zahlen, die der DAAD nennt, sprechen für sich. Rund 450 Partnerhochschulen in knapp 60 Ländern; fast 120.000 Menschen, die in den vergangenen fünf Jahren erreicht worden sind; Kooperationen zu Zukunftsthemen wie Energieversorgung, Gesundheit, Wassermanagement oder Digitalisierung. Bis 2031 sollen diese Programme mit wenigen Ausnahmen auslaufen. Dabei geht es nicht um den plötzlichen Wegfall eines milliardenschweren Förderprogramms, sondern um BMZ-finanzierte Programme mit einem jährlichen Fördervolumen von rund 25 Millionen Euro. Gemessen am Gesamthaushalt der Entwicklungszusammenarbeit ist dieser Betrag zwar vergleichsweise überschaubar. Doch für die betroffenen Hochschulen und ihre internationalen Partner hätte sein Wegfall erhebliche Folgen: Langjährig gewachsene wissenschaftliche Netzwerke, gemeinsame Studiengänge und der Aufbau akademischer Strukturen würden unterbrochen oder ganz beendet. Gerade darin liegt die eigentliche Tragweite der Kürzungen – nicht so sehr in ihrer absoluten Höhe als in ihrer langfristigen Wirkung auf internationale Bildungs- und Wissenschaftskooperationen.
Der unmittelbare Schaden für Forschung, Lehre und internationale Partnerschaften ist also offensichtlich. Weniger sichtbar ist jedoch, was darüber hinaus verloren zu gehen droht. Denn internationale Hochschulkooperationen bilden die Infrastruktur wissenschaftlicher Globalisierung. In ihnen entstehen Netzwerke, Vertrauen, gemeinsame Standards und stabile Beziehungen. Wissenschaft ist seit Langem keine nationale Veranstaltung mehr. Die großen Fragen der Gegenwart entstehen nicht innerhalb nationalstaatlicher Grenzen – und lassen sich dort auch nicht allein lösen. Darauf hat die Wissenschaft mit zunehmender Internationalisierung reagiert: von Forschungsstrukturen und zugleich von Kommunikationsräumen.
Gerade deshalb sollte die Warnung des DAAD ernst genommen und als Signal verstanden werden. Wenn internationale Hochschulnetzwerke zurückgebaut werden, wird nicht nur die Wissenschaft geschwächt. Beschnitten wird gleichzeitig die Wissenschaftskommunikation. Das mag zunächst ungewöhnlich klingen. Doch Wissenschaftskommunikation, die sich nicht auf die Vermittlung von Forschungsergebnissen reduzieren lässt, beginnt schon vor einem öffentlichen kommunikativen Output. Denn sie ist Teil jenes Prozesses, in dem Wissen sichtbar, diskutierbar und relevant wird. Und dieser Prozess ist genauso international wie die Wissenschaft selbst. Wer also internationale Kooperationen abbaut, verändert daher auch die Kommunikationsbedingungen von Wissenschaft. Dann verschwinden Projekte und Perspektiven. Und es verschwinden Begegnungsräume zwischen unterschiedlichen Wissenskulturen. Es verschwinden Möglichkeiten, globale Herausforderungen aus unterschiedlichen regionalen Erfahrungen heraus zu verstehen und zu erklären. Wissenschaft verliert so einen wichtigen Teil ihrer Vielstimmigkeit.
Bemerkenswert ist dabei die Begründung, mit der der DAAD den Erhalt der Programme fordert. Er verweist auf Deutschlands internationale Handlungsfähigkeit, auf das Anwerben von Fachkräften, auf wirtschaftliche Interessen und geopolitischen Wettbewerb. All das ist richtig. Doch selbst in der Haltung des DAAD zeigt sich ein grundlegendes Dilemma. Wissenschaft wird in einer solchen Argumentation zunehmend unter den Vorzeichen strategischer Konkurrenz betrachtet. Netzwerke erscheinen als Instrumente nationaler Einflussnahme. Kooperation wird mit Nutzen begründet. In den Hintergrund gerät auf diese Weise, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nicht trotz, sondern wegen des Austauschs über disziplinäre und nationale Grenzen hinweg entstehen. Wer internationale Kooperationen nach ihrem unmittelbaren strategischen Ertrag bewertet, verändert auf lange Sicht das Selbstverständnis von Wissenschaft selbst.
Die Konsequenzen betreffen deshalb auch die Wissenschaftskommunikation. Wird Wissenschaft international produziert, muss sie auch international kommuniziert werden. Die Internationalisierung der Wissenschaft darf nicht an Labor- oder Seminartüren enden. Sie muss sich ebenso in den Formen ihrer Vermittlung wiederfinden und in ihnen spiegeln. Eine zukunftsfähige Wissenschaftskommunikation wäre deshalb nicht nur mehrsprachig, sondern auch transnational. Sie würde Wissenschaftler:innen gerade aus dem Globalen Süden nicht lediglich als Projektpartner wahrnehmen, sondern als gleichberechtigte Stimmen in globalen Diskursen. Sie würde Forschungsfragen nicht nur aus europäischer Perspektive erzählen. Und sie würde erfahrbar machen, dass Wissen in internationalen Netzwerken entsteht, deren Stärke in ihrer Vielfalt liegt.
Die Kürzungen, vor denen der DAAD warnt, sind deshalb mehr als eine haushaltspolitische Entscheidung. Sie markieren eine Weggabelung. Die Frage, die mit der Ankündigung des BMZ und mit der Reaktion des DAAD gleichermaßen gestellt wird, lautet nicht explizit, welche Programme weiter finanziert werden. Gefragt wird ebenso implizit, ob die Politik der Bundesrepublik Wissenschaft weiterhin als Teil eines offenen globalen Kommunikationsraums begreift. Wer internationale Hochschulkooperationen abbaut, spart vielleicht kurzfristig Geld. Langfristig aber wird der Verlust jener Verbindungen gefährdet, aus denen wissenschaftliche Erkenntnis, gesellschaftliche Verständigung und internationale Handlungsfähigkeit gleichermaßen hervorgehen. Wissen ist immer dort am stärksten, wo es Grenzen negiert und Schwellen überschreitet.