ExStra-Blatt, Folge 8: Ein Tag ohne Verlierer?

Reaktionen auf die Evaluation der Exzellenzuniversitäten zwischen demonstrativer Freude und stillem Unbehagen

David Kaldewey • 12. März 2026

Die Exzellenzkommission, bestehend aus dem 39-köpfigen international zusammengesetzten Committee of Experts, der Präsidentin der DFG, dem Vorsitzenden des Wissenschaftsrates, den 16 Wissenschaftsminister*innen der Länder sowie der Bundesministerin hat gestern – am 11. März 2026 – die erwartete Entscheidung getroffen: Alle neun Exzellenzuniversitäten sowie der Berliner Exzellenzverbund haben die Evaluation bestanden. Das Ergebnis ist, wie in der Pressekonferenz und Pressemitteilung betont wurde, „einstimmig“ und „einmütig“, es gab, wie auf Nachfrage versichert wurde „keine Wackelkandidaten“. Also 10 von 10 Gewinnern und 100 Prozent Zustimmung. Das ist ein besseres Resultat als bei den Volkskammerwahlen der DDR, bei denen die durchschnittliche Zustimmung zwischen 1950 und 1986 lediglich bei 99,83 Prozent lag.

Gerade für ein „wirklich strikt wissenschaftsgeleitetes“ Verfahren – auf welches die zuständigen Bundesministerin nochmal ausdrücklich verwies – ist eine solche Eindeutigkeit bemerkenswert. So gibt es im Alltagsbetrieb wissenschaftlicher Forschung, der fundamental auf dem Prinzip des organisierten Skeptizismus aufbaut, nur wenige Aussagen, für die man solche universalen Zustimmungsraten unterstellen kann. Interessant ist das gut erforschte Beispiel des Konsenses hinsichtlich der These eines anthropogen verursachten Klimawandels innerhalb der Klimaforschung – hier verweisen verschiedene Studien auf Zustimmungsraten in der Größenordnung von 97%. Vor diesem Hintergrund ist es beeindruckend, dass die Exzellenz der deutschen Exzellenzuniversitäten nun gewissermaßen besser abgesichert ist als die Tatsache des anthropogen verursachten Klimawandels.

Und doch ist es nicht ganz leicht, sich vorzustellen, dass alle 39 international renommierten wissenschaftlichen Expert:innen bei der Lektüre der sagenumwobenen und innerhalb der Universitäten weitgehend geheim gehaltenen Selbstberichte derart geflasht waren, dass sie sich gleich gesagt haben: Wow, 100 Punkte! Oder: Wow, unbedingt müssen all die neu eingerichteten und neu konzipierten Projekte, Stabsstellen, Zentren, Events und PR-Maßnahmen an allen zehn Standorten weiter finanziert werden! Doch das ist in formaler Hinsicht auch nicht der entscheidende Punkt; Förderempfehlungen kommen zum Glück ohne Epiphanie-Erlebnisse aus. Das gut durchdachte und in ähnlicher Form auch in früheren Entscheidungssituationen der ExStra bewährte Verfahren sieht vielmehr eine abschließende Beratung in der gesamten Kommission vor, bei der ein Kompromiss zwischen wissenschaftlichen und politischen Positionen gesucht wird. Und es ist dieser Kompromiss, der sich dann als konsensfähig erweist. Insofern kann man beruhigt sein: das hier ist nicht die DDR.

Es war also, so die politische Botschaft, ein „glücklicher, erfolgreicher Tag“ (so die Bundesforschungsministerin Dorothee Bär), ein „Freudentag für die Wissenschaft in Deutschland“ (so Falko Mohrs, stellvertretender Vorsitzender der GWK). Auch an den nun weiter geförderten Institutionen war die Freude groß, auf LinkedIn erhielten einige die Posts aus der Hochschulkommunikation mehr als 1.000 Likes innerhalb von 24 Stunden, das ist weit jenseits der Aufmerksamkeit, den institutionelle Hochschulaccounts im Alltag auf Social Media Plattformen erreichen können. Den Vertreter:innen der wissenschaftspolitischen Institutionen wiederum konnte man die Freude, aber auch die Erleichterung durchaus ansehen.

Der erste Blick in die journalistische Berichterstattung dagegen zeigt ein etwas nüchterneres Stimmungsbild. Schon im Vorfeld bestand unter den wissenschaftspolitischen Beobachter:innen Einigkeit, dass wohl keine Überraschung zu erwarten sei. Zum einen, weil es diesmal nicht um ein klassisches Wettbewerbsverfahren ging, sondern um die „Evaluation einer im Prinzip auf Dauer angelegten Förderung der einzelnen Universitäten“ (Thorsten Wilhelmy). Oder, wie in der Pressekonferenz erläutert wurde: „Das Verfahren jetzt hat die einzelne Einrichtung mit sich selbst und an den eigenen Zielen gespiegelt“ (Wolfgang Wick) – sich selbst zu genügen, ist ja eine machbare Challenge. Zum anderen kann man vermuten, dass allen an der Entscheidung Beteiligten klar war, welcher Flurschaden entstehen kann, wenn einer Universität der Titel wieder entzogen wird. Eine derartige öffentliche Abstrafung wäre vermutlich nur bei eklatanten Mängeln oder bei offensichtlichem Fehlverhalten – etwa Falschaussagen in den Selbstberichten – begründbar und öffentlich kommunizierbar gewesen.

Außerhalb der offiziellen Feiern lässt sich also eine gewisse Zurückhaltung erkennen. Noch vor der Bekanntgabe der Ergebnisse wurde man auf tagesschau.de an die von verschiedenen Wissenschaftler:innen geäußerte „Kritik am Uni-Wettbewerb“ erinnert. Unmittelbar nach der Pressekonferenz konstatiert Markus Weisskopf von Research.Table nüchtern, dass alle zehn Bewerber die Evaluation bestanden haben, verweist im nächsten Satz aber ebenfalls drauf, warum „man darüber nicht uneingeschränkt glücklich ist“. Jan-Martin Wiarda wiederum hält erst einmal fest, dass „selektiv“ und „alle zehn kommen durch“ für die Exzellenzkommission kein Widerspruch zu sein scheine. Es folgen dezent-bissige Anmerkungen zur „boomende[n] Produktion strategischer Visionen“ sowie ein etwas wehmütiger Blick in die Vergangenheit, als „visionär“ noch „aus der Reihe tanzen“ bedeuten konnte. All das, so Wiarda – und mit dieser Wahrnehmung ist er nicht allein – verweist auf anstehende Debatten zur Zukunft der Exzellenzstrategie, die bislang allerdings noch „hinter vorgehaltener Hand“ geführt würden.

Dieses Sprechen über die ExStra hinter vorgehaItener Hand ist auch im RRC ExStra-Blatt schon thematisiert worden. Hinter den Kulissen deutet sich schon seit Jahren ein gewissermaßen alternativer Konsens an, der etwas damit zu tun hat, dass Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis mehr stehen. Dieses stille Unbehagen ist auch am 11. März, dem großen Tag der Freude, spürbar. Solche Fragen werden vermutlich weiterhin eher im Stillen thematisiert, zumindest solange der Wettbewerb läuft – der ja, für die nun an die Reihe kommenden Neubewerber:innen ein wirklich „harter Wettbewerb“ werde – wie in der Pressekonferenz auf Nachfrage betont wurde. Vom Ende des Jahres an aber, wenn die letzten Entscheidungen gefallen sind, werden die Bedenken über die Fortsetzung gerade dieser zweiten Förderlinie, der Exzellenzuniversitäten, schrittweise auch öffentlich formuliert werden.

Was uns jetzt schon vorliegt sind Erfahrungswerte darüber, wie hoch der Aufwand für alle Beteiligten ist. Am ehesten verschont wurden diesmal interessanterweise die Forschenden selbst. Ihr Job – die Beantragung der Exzellenzcluster – war gewissermaßen schon erledigt. Im Normalfall waren sie daher nur eingeschränkt an den zentralen Strategien oder Selbstberichten beteiligt und wussten typischerweise auch nicht, was in diesen Dokumenten steht und warum. Dagegen haben die Universitätsverwaltungen und Hochschulleitungen, die zuständigen Mitarbeiter:innen bei den wissenschaftspolitischen Institutionen und in den Ministerien, und natürlich auch die Gutachter:innen und Mitglieder des Committee of Experts unglaubliches geleistet. Der Respekt, den sie dafür verdienen, darf allerdings auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Alltagsgeschäft an den betroffenen Exzellenzuniversitäten gefühlt über Monate stillstand. Wieviel ganz normale Aufgaben im universitären Alltag in dieser Zeit nicht angegangen wurden, wie viele wichtige, aber nicht exzellenzbezogene Entscheidungen sich über Monate verzögerten, wieviel Probleme nicht bearbeitet wurden, kurz: was alles liegenblieb, das steht in keinem Selbstbericht. Das sind Kosten, die nicht bezifferbar sind, die in den nächsten Jahren aber abgearbeitet werden müssen.

Der Vorsitzende des Wissenschaftsrats nimmt, wie die Tagesschau berichtet, solche Kritik am aufwendigen Antragsverfahren ernst – und kündigt entsprechend schon an, dass es eine interne und externe Evaluation der Exzellenzstrategie geben wird. Ein Schelm, wer nach dem 11. März 2026 vermutet, dass das Ergebnis dieser Evaluation vielleicht unter dem Strich weiterhin positiv ausfallen könnte. Vor diesem Hintergrund muss daran erinnert werden, dass es in der langen Tradition der Exzellenzinitiativen durchaus schon Evaluationen gab. So hatte die Imboden-Kommission in ihrem Bericht von 2016 vorgeschlagen, die zweite Förderlinie (damals sprach man noch von „Zukunftskonzepten“) unkomplizierter zu gestalten und anstelle aufwändiger Evaluationsverfahren schlicht eine „Exzellenzprämie“ zu bezahlen, „die ohne Antrag aufgrund der bisherigen Leistung an die Universität als Ganzes, d.h. an die Universitätsleitung, vergeben wird“. Der Vorschlag stieß damals auf ausgesprochen positive Resonanz. Wie viele Arbeitsstunden, wie viele schlaflose Nächte, wie viele Burnouts hätten verhindert werden können, wenn man das umgesetzt hätte? Das Resultat wäre ja, wie wir jetzt wissen, dasselbe gewesen.