Jenseits von Maxton Hall: Luca Guadagninos After the Hunt und andere Erzählungen aus dem Innenleben der Geisteswissenschaften

RRC-Sprecherin Julika Griem rezensiert Luca Guadagninos After the Hunt über Machtmissbrauch und Selbstbeschädigungen im US-amerikanischen Ivy-League-System. Was im Film allerdings nicht vorkommt: die Auseinandersetzung mit der echten Zerstörung von außen.

Von Julika Griem, RRC-Sprecherin

Sollten wir Filme und Romane, die an Universitäten spielen, als Instrumente der Wissenschaftskommunikation in die Pflicht nehmen? Es gibt gerade reichlich Anlass für diese Frage. Romanzen in den verwandten Genres von new adult und dark academia haben Konjunktur. Häufig sind diese in pittoresken College-Settings angesiedelt, um einen Plot zu bespielen, der sich über Fifty Shades of Grey bis zu Romanen des 18. und 19. Jahrhunderts zurückverfolgen lässt: In der Regel trifft eine bildungshungrige und sozial mobile junge Heldin auf einen überwältigend attraktiven brooding hero mit Statusüberschuss, dessen empfindsamen Kern bzw. verborgene Traumata allein sie zu erkennen und damit das happy ending einer Utopie heilsamer Erotik herbeizuführen vermag. Auch wenn die unerschöpfliche Ressource dieses Narrativs in aktuell populären Formaten wie Maxton Hall oder My Oxford Year vor instagrammablen Sehnsuchtsorten humanistischer Bildung in Szene gesetzt wird, sollte man hier ebenso wenig Informationen über Wissenschaft erwarten wie eine Sozialstrukturanalyse von romantischen Komödien wie Notting Hill. Um ihr Geld einzuspielen, greifen solche Produktionen zurzeit häufig auf akademische Kulissen zurück. Gattungslogisch und ökonomisch wäre es aber dysfunktional, ihr Publikum über das Wissenschaftssystem aufklären zu wollen.

Etwas anders verhält es sich mit dem jüngsten Film des italienischen Regisseurs Luca Guadagnino, der unter dem Titel After the Hunt auf der Biennale in Venedig vorgestellt wurde. Der Schauplatz der Yale University wurde hier nicht durch KI-belebtes Marketing-Material aufgerufen, sondern in Londoner Studios aufwendig nachgebaut: Zentrale Szenen spielen auf dem Campus sowie im komfortablen Haus der von Julia Roberts verkörperten Protagonistin Alma. Die Philosophieprofessorin ist auf dem Sprung zur tenure und lädt sich abends gern Gäste ein, um bei Rotwein in üppigen Sitzecken über Heidegger und Arendt zu diskutieren. In den Seminarraum führt uns der Film nur zweimal, und geisteswissenschaftliche Forschung zeigt sich allein momenthaft an einer Pinnwand über Almas Schreibtisch, an dem sie einen Aufsatz mit einem unverständlichen Titel nicht fertigzustellen vermag. Konsequent getrieben von einem quälenden Soundtrack entfaltet sich dagegen der zentrale Konflikt des Films: Almas Meisterschülerin Maggie, Tochter reicher afroamerikanischer Spender der Universität, vertraut ihrer Mentorin an, von einem Kollegen und Freund Almas sexuell bedrängt worden zu sein, während dieser behauptet, Maggie des Plagiats in ihrer Dissertation überführt zu haben. Almas Ehemann steht zunehmend ratlos am Rand, weil er ahnt, dass seine Frau den früher selbst erfahrenen Machtmissbrauch und dessen gesundheitliche Folgen in der aktuellen ménage à quatre nicht länger verdrängen kann.

Anders als viele Produktionen im romantischen Segment bewegt sich Guadagninos filmische Arbeit zwischen unterschiedlichen Genres. After the Hunt mischt melodramatische und Thriller-Elemente mit Klischees populärer Campus-Satiren im Zeitalter von #MeToo und Cancel Culture. Die nostalgische Fototapete der College-Romanzen verfinstert sich hier zu einem luxuriös ausgestatteten Labyrinth, in dem die Protagonistinnen nicht toxische Männlichkeiten reparieren, sondern selbst verstrickt und versehrt sind. In seiner Verweigerung einer kathartischen Klärung erinnert Guadagninos Film somit eher an frühere amerikanische Erkundungen akademischer Machtkämpfe wie z. B. David Mamets Oleanna und Philip Roths The Human Stain – ein Drama und ein Roman, die ebenfalls komplexe Schuldfragen verhandeln.

Die Thematik des Machtmissbrauchs unter Geisteswissenschaftler:innen legt zudem den Vergleich mit der Netflix-Serie The Chair sowie mit Mithu Sanyals Roman Identitti nahe. Beide zeichnen sich allerdings durch einen Ansatz aus, den Guadagninos an Ingmar Bergman geschulte Ästhetik psychologischer Zuspitzung nicht zulässt: Sowohl die Serie über das fiktive Ostküsten-College Pembroke als auch der Roman über die Identitätswechsel einer Düsseldorfer Star-Professorin in den postcolonial studies machen sich die Mühe, auch von institutionellen Dynamiken zu erzählen. Dies gelingt ihnen, weil sie gerade nicht nur auf satirisch instrumentalisierbare Stereotype zurückgreifen, sondern durch subtileren Einsatz komischer Mittel zum Nachdenken über die Arbeit und den Strukturwandel an geisteswissenschaftlichen Einrichtungen jenseits und diesseits des Atlantiks anregen. After the Hunt liefert zwar mehr als dampfende Erotik vor ledergebundenem Bildungsgut, garniert sein Psychodrama aber nur noch mit müden Zitatresten von Foucault und Adorno. Im Winter 2025 und angesichts der in den USA praktizierten Zerstörung nicht allein geisteswissenschaftlicher Forschungseinrichtungen wirkt Guadagninos fulminant besetztes Kammerspiel über die Selbstbeschädigung des Ivy-League-Systems daher wie ein hilfloser Anachronismus.