Wissenschaft als An-Geber

„Bitte alles angeben“: Was Forschende bei Anträgen und Evaluationen auflisten, wird immer umfangreicher. Mittlerweile finden sich darin auch Blogposts, LinkedIn-Kommentare oder Vorträge, die noch gar nicht gehalten wurden. Die neue Professor-Holger-Kolumne über den wachsenden Listenfetisch in der Wissenschaft.

In der Schule war es verpönt, Mama und Papa fanden es (meistens) doof, aber in der Wissenschaft gehört Angeben fast so zum Alltag wie in einer Werbeabteilung. Keine Bewerbung, kein Antrag und keine Evaluation, bei der die eigenen Leistungen nicht möglichst eindrücklich und umfänglich zur Schau zu stellen sind.

Die Liste dessen, was anzugeben ist bzw. mit dem man angeben darf, wird dabei immer vielfältiger: Publikationen in Fachzeitschriften und Büchern gehören naturgemäß weiterhin dazu, aber auch Gastbeiträge in Zeitungen, Auftritte in Radio und Fernsehen, Vorträge auf Fachkonferenzen ebenso wie vor Laienpublikum in der Volkshochschule, bei der Kinder-Uni oder auf dem Marktplatz. Und natürlich die ganze bunte Internet- und Social-Media-Welt mit Videos, Blogbeiträgen bis hin zu kleinen Posts und Kommentaren.

Tausche eine „Adults-only Science Night” gegen dreimal Kinder-Uni

Trotz erster Vorschläge zur Evaluation bleibt das Problem der Gewichtung all dieser Aktivitäten der Wissenschaftskommunikation aber weitgehend ungelöst, sowohl innerhalb als auch zwischen den Kategorien: Ist etwa die aktive Teilnahme an der „Adults-only Science Night“ (Cocktails inklusive) höher zu bewerten als ein Vortrag an der Kinder-Uni? Lassen sich die Fleißkärtchen für zwei Dutzend Blogbeiträge und 253 LinkedIN-Posts vielleicht eintauschen gegen die Bonuspunkte für ein Paper in einem drittklassigen Fachjournal? Und ist die eine Keynote auf der renommierten Tagung vor Kollegen wirklich mehr wert als fünf Vorträge vor den Schülerinnen und Schülern einer Brennpunktschule, die zuvor noch nie Besuch aus einer Uni bekommen haben?

Versuche, die An-Geberei ein wenig einzudämmen, gab es schon einige. Bereits 2010 limitierte die DFG die Zahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen im Lebenslauf von Antragstellerinnen und Antragstellern auf jene fünf, die sie selbst für die wichtigsten hielten. Nur vier Jahre später wurde das Motto „Qualität statt Quantität“ schon wieder aufgeweicht und die maximale Angabe auf zehn heraufgesetzt. Immerhin gilt diese Begrenzung bei der DFG auch weiterhin, ergänzt um weitere zehn Aktivitäten in einer zusätzlichen Kategorie „weitere Form öffentlich gemachter Ergebnisse“, wo Patente ebenso genannt werden können wie Blogbeiträge.

Das Problem der Gewichtung der immer vielfältigeren Formate der öffentlichen  Wissenschaftskommunikation löst allerdings auch eine Begrenzung nicht. Und jenseits der DFG scheinen die langen Listen mit Angaben jeder noch so kleinen Aktivität längst nicht ausgedient zu haben – im Gegenteil: Schon die bunten Kreise der Altmetrics-Scores weisen eher in die entgegengesetzte Richtung. Gerade Nachwuchsforschende fühlen sich unter Druck gesetzt, möglichst viele Aktivitäten jenseits des wissenschaftlichen Kerngeschäfts präsentieren zu können. Dabei wäre gerade ihnen zu raten, sich zunächst auf hochrangige wissenschaftliche Veröffentlichungen zu konzentrieren (jedenfalls sofern der eigene Blog nicht ohnehin zum Freizeitvergnügen gehört). Denn tatsächlich ist von kaum einer Berufungskommission zu hören, in der Blogposts beim Ranking von Gutachtenden zu einem guten Kurs gegen Fachpublikationen „getauscht“ wurden.

Generell wäre es einen Versuch wert, die Pflicht zum An-geben nicht nur mit einem strengen Limit, sondern jede Angabe auch mit einer Begründungspflicht zu versehen, warum dieser oder jener Vortrag und diese oder jene Aktivität nun besonders wertvoll für die übergeordneten Ziele eines Vorhabens oder einer Stelle sein sollen. In der Tat kann mit plausibler Begründung dann die Vortragsreihe des Bildungsforschers an der Brennpunktschule tatsächlich mehr zählen als die Keynote auf der Fachkonferenz. Oder sich das entwickelte Format der Kommunikationsforscherin als wertvoller erweisen als ein weiteres Theorie-Paper.

Bis dahin dürfte es aber ein weiter Weg sein. Zu sehr scheint die leistungsshow-artige Pflicht zum Angeben längst zur narzisstischen Gewohnheit geworden zu sein – manchmal sogar, bevor das Angegebene überhaupt schon erreicht wurde: Einmal etwa hatten wir einen Kollegen zum Vortrag eingeladen, der etliche Monate später stattfinden sollte. Nur wenige Stunden nach unserer Einladung war der Auftritt schon in der Vortragsliste auf dessen Seite verzeichnet. Ob der Vortrag aber tatsächlich einige Monate später stattfinden würde: zum Zeitpunkt der An-Gabe ungewiss.