Im Februar 2024 erschien ein Call for Papers für ein Themenheft der Österreichischen Zeitschrift für Soziologie. Gesucht waren Beiträge, die das seit den Corona-Protesten besonders virulente Phänomen der Wissenschaftsskepsis aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Mittlerweile liegen acht Artikel vor, die von der Rolle der Politik über alternative Wissenschaftsverständnisse bis hin zur gesellschaftlichen Funktion des Begriffs reichen. Zwei Beiträge stammen von den RRC-Mitgliedern David Kaldewey und Pascal Berger.
David Kaldewey greift die Diagnose einer „Krise der Faktizität“ unter den Bedingungen der Corona-Pandemie neu auf. Ursprünglich im Kontext von Rechtspopulismus, Trump und Brexit verortet, veränderte die Pandemie die Koordinaten, so Kaldewey. Nicht mehr nur Anti-Wissenschaft stehe der Wissenschaft gegenüber. Vielmehr sei die Wissenschaft selbst unter Druck geraten. Er unterscheidet dafür in seiner Analyse vier Register, die er anhand der Pandemie illustriert: 1) die Unsicherheit von Wissen, (2) die Wertgeladenheit wissenschaftlicher Aussagen, (3) die Existenz multipler Fakten sowie (4) die Abgrenzung echter von pseudowissenschaftlicher Expertise. Jedes dieser Register sei politisierbar, etwa im Streit um Schulschließungen. Der Text mündet in dem Plädoyer Kaldeweys, diese Register als Kriterium für guten Wissenschaftsjournalismus zu berücksichtigen.
Pascal Berger untersucht die Verwendungsweise des Begriffs „Wissenschaftsskepsis“. Während er in der Literatur meist als unbegründete und gesellschaftlich gefährliche Ablehnung von Fakten gilt, zeigt Berger: In der Pandemie wurden auch legitime wissenschaftliche Stimmen als „Skeptiker“ etikettiert. Anhand von vier Pandemie-Episoden – Ursprung, Krankheitsschwere, Strategie, Impfung – unterscheidet er eine emische Perspektive, die mediale und wissenschaftliche Zuschreibungen analysiert, von einer etischen: Demnach entsprachen viele als skeptisch markierte Personen und Positionen zumindest formalen Standards wie Peer-Review-Publikationen oder entsprechender Fach-Expertise. Berger kommt zu dem Schluss: Skepsis-Markierungen trafen in den untersuchten Medien v.a. maßnahmenkritische Stimmen – womöglich mit politischen Folgen, weil mildere Strategien so im Diskurs weniger präsent waren.